Sunday, April 20, 2014

Nicht der Hut macht den Menschen, sondern der Mensch den Hut

...lautet der berühmte Spruch von Papa Mumintroll aus dem "Zauberhut" von Tove Jansson
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Dieser Blogeintrag wird sehr ausführlich, denn ich habe den Prozess der Entstehung eines Modistin-Hutes fotographisch festgehalten.
Der Hut ist zu Beginn in einem Workshop der wunderbaren Modistin, Meisterin ihres Faches, Ricarda Engelsberger, entstanden. Da ich ihn jedoch während des Workshops nicht fertigstellen konnte, habe ich noch einige Zeit damit zu Hause verbracht.
Zum Workshop bin ich gegangen, weil ich einerseits sehr neugierig auf Alles, was mit Nähen zu tun hat, bin. Andererseits ist mein Kopf sehr klein und es nicht wirklich viele Hüte gibt, die mir passen würden.
Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Dennoch war mir klar, ich könnte niemals eine Chanel sein :-) Noch nie bei einer handwerklichen Tätigkeit fühlte ich mich so talentfrei wie bei der Herstellung diesen Hutes.

Zu Beginn zunächst der Prototyp meines Hutes, zur Darstellung wie er mal werden soll.
Hier nun das Ergebnis. Nachfolgend zeige ich beispielhaft detailiert wie so ein Modistinnen-Hut entsteht.



Während des Workshops ist mir ein Unfall passiert. Mein Hut war gebrochen. Alle Versuche, ihn wieder zu beleben sind aufgrund der von mir gewählten Stoffeigenschaften fehl geschlagen. Im Grunde war ich die Einzige, die nach Huase ohne Hut gehen mußte. Das, was ich jetzt zeigen werde ist im Alleingang im nachhinein entstanden.

1. Etamin wird mit Wasser angesprüht bis der darin enthaltene Kleberstoffe weich werden und er sich verformen lässt. Danach wird das Etamin zum Gesicht und Hinterkoftmitte unter 45° stark gezogen. Dieser Vorgang erfordert enorme Kraft. Das Endergebnis soll so glatt wie möglich aussehen. Danach wird das für mehrere Stunden zum Trocknen gestellt.

An dieser Stelle möchte ich besondere Aufmerksamkeit meinem Helfer schenken. Bis dahin benutzte ich nie einen Fingerhut, aber hier geht das gar nicht ohne. Zu einem weil ich sehr kleine Finger habe und es kaum Fingerhüte gibt, der mir nicht vom Finger fällt, zu anderem weil ich immer mittellange Nägel habe, was ebenfalls störend ist. Nun war das eine Entdeckung für mich. Es gibt einen Fingerhut in gr. 14mm für mich. Das Besondere an dem Fingerhut ist, dass er eine sehr flache Oberfläche hat und somit bleibt die Nadel in der stabilen Position. Durch die Kante kommt sogar noch ein zusätzlicher Schwung hinzu.
2. Für den Hutrand habe ich Ricarda's Vorlage benutzt. Etamin (hier im Bild ist er zwischen 2 Stoffschichten) wird ohne Verformung ausgeschnitten, wie ein Sandwich  in die Mitte gelegt und fest gesteckt.
Am unteren Rand wird ein umwickelter Hutdraht mit besonderen Handstichen eingefasst. Die Enden des Drahtes überlappen sich.
3. Über den Draht wird Modistinnen Baumwolle-Ripsband unsichtbar von Hand angebracht

4. Wenn "das Köpfchen" getrocknet und fest genug ist- kann es mit dem Hauptstoff bezogen werden.
Auch hier ist besondere Sorgfalt gefragt. Das Endergebnis sollte so glatt wie möglich aussehen.

5. Danach  wird es mit langen Stichen zuerst mit Hand vernäht.
6. Wenn der Stoff am Etamin gesichert ist, näht man oberhalb der Naht  mit der Nähmaschine.
Das ist die Stelle, wo mein Etamin zusammenbrach als ich versucht habe, die Rundung durch die Nähmaschine zu schieben.
Das, was man jetzt auf dem Bild ist ist mein 2ter Versuch.
7. Der Stoff unterhalb der Nähte wird abgeschnitten, nicht der Etamin!!
Beide Teile des Hutes (das Köpfchen und der Rand) werden am Kopf zusammen gesetzt und mit schrägen Stichen vernäht.

8. Die Verbindungsstelle wird mit einem Stoffstreifen, was in der Höhe ca. 5cm grösser ist mit grossen Stichen abgedeckt. In meinem Fall  liegt noch ein zusätzliche weiche  Einlage drin, die etwas Volumen schafft
9. Als Garnitur wird ein breiter Stoffstreifen verwendet, der in spontane Falten gelegt wird.
Ich mußte sehr viel mit dem Stoff kämpfen. Ich habe den ganzen Abend dafür gebraucht, um es einigermaßen chaotisch aussehen zu lassen, denn die Falten legten sich von alleine in parallelen Reihen und das sah etwas wie bei einem Hut einer Dressur-Reiterin aus. Das Wichtigste dabei ist, dass man absolut unsichtbar festnähen muß.

10. Wenn der Hut zusammengesetzt ist, widmet man sich dem Futter.
Ich habe Seidenjaquardfutterreste verwendet, welche ich für ein Frühlingsjacket genutzt hatte. Dazu nimmt man ca 40cm x 40 cm  Stoff und legt man  ihn wieder um 45° gedreht, dass er im schrägen  Lauf zur Stirn und Hinterkopf liegt. Die 4 Punkte werden rautebildend mit Stecknadel gepinnt. Der Rest wird spontan in Falten so gelegt, dass der überschüßiger Volumen gleich verteilt auf den Hutumfang verschwindet. Das Futter wird von Hand anstaffiert.

11. Um letzten Schliff zu verleihen kommt das BW-Ripsband nochmal zu Einsatz.
12. Fertig!

34 comments:

  1. Ein ganz dickes Kompliment! Toll gemacht - und steht dir ausgezeichnet!

    Bewundernde Grüße,
    Petra (die sehr gern Hüte trägt...)

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    1. Vielen Dank!:-)
      das mit dem stehen ist genau der punkt:-) mir stehen so viele formen und hüte,aber keiner passt:-))))
      endlich kommen sie wieder in mode!ich freue mich darüber!
      machst du deine Hüte auch selbst?

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    2. Drei Filzhüte habe ich bisher gemacht und mit zweien davon bin ich ziemlich zufrieden. Da ich Kopfweite 54 habe, werde ich aber häufig in Geschäften fündig. Kennst du den wunderbaren Hutladen in Ratingen?

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    3. mein umfang ist noch weniger:-) Ricarda hat einen trick gezeigt,wie man jeden Hut nur mit ripsband anpasst.
      wo befindet sich der laden? den kenne ich nicht.erlich gesagt, ich kenne so gut wie keine geschäfte mehr,weil ich nie shoppen gehe.

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    4. Renate Schmidt - Adresse: Obertor 9, 40878 Ratingen mit Telefonnummer 0210228945
      Sehr kompetente Beratung - ich hoffe, den Laden gibt es noch eine Weile, weil die Betreiber schon alt sind...
      Ich habe einen Herrn mit Stetson gefragt, wo er seine Hüte kauft - ich kannte nämlich auch kein existierendes Geschäft mehr...

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  2. Respekt!! Tolle arbeit und steht dir sehr gut!
    Frohe Ostern noch wünscht
    Christine

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    1. Danke schön, liebe Christine!
      Auch Dir wünsche ich frohe Ostern!

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  3. Liebe Julia, was für ein schöner Hut.
    Er ist so vielseitig einsetzbar wie das "Kleine Schwarze" und so wunderbar, mit viel Hingabe und Liebe zum Detail, gearbeitet.
    Es ist spürbar, mit wieviel Herzblut Du bei der Arbeit bist.
    Den Eindruck Deiner "Talentfreiheit" teile ich in keinster Weise - im Gegenteil bin ich der Meinung, dass man bei dieser wirklich schönen Arbeit an Deinem allerersten(!) von Dir gefertigten Hut durchaus von Talent sprechen kann!!!!
    Außerdem gefällt mir Deine detaillierte Entstehungsdoku sehr :)

    Es war sehr schön, mit Dir zu arbeiten!!!

    Ricarda

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    1. Danke schön! und nochmal vielen Dank für deine Hilfe!

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  4. Wahnsinn!
    Was für ein interessanter Bericht und ein wunderschönes Ergebnis.

    Hut ab! ;-)

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  5. Sehr fesch! Dieser Post ist sehr interessant. Ich möchte mir auch gerne einmal einen Hut machen. Wenn irgendwann in meiner Nähe ein Workshop stattfindet, bin ich bestimmt dabei.
    LG Elke

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    1. Danke! ich habe vor kurzem festgestellt,dass auch in diesem Bereich immer mehr modisten die workshops anbieten.mir war das gar nicht bewußt.aber als ich nach bestimmten sachen im netz gesucht habe, bin ich auf eine menge workshops allein in meiner gegend gestoßen.

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  6. Какая прелесть!
    Юля, чудесная шляпка! Очень твоя!!!!

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    1. Лен, ну от тебя как модиустки мне очен хочется настоящую критику слышать!?:-)

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    2. )))) Юля, ну ведь это твоя первая шляпка!!!!! Настоящая шляпка!
      Все, что я там вижу, это такие мелочи, которые устранятся сами собой, если ты захочешь заниматься этим ещё и ещё, что собственно я бы тебе и советовала! Потому как действительно, шляпка идет тебе необыкновенно!
      Другой разговор - будь ты мастером, а я бы увидела косяк... а ты бы мне втирала, что сделала работу супер...)))))
      Так что все отлично у тебя, так держать!
      И я ведь работала только с фетром и мехом, там совсем другая технология была.

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  7. Der Hut sieht wirklich hübsch aus und Du bist ganz sicher auch in diesem Bereich nicht talentfrei :-) Wie lange hast Du etwa gebraucht für die Herstellung des Huts?

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    1. Sagen wir mal so...wenn man die trockenzeit rausrehcnet ist so ein Hut in 2 tagen fertig. alle haben ihre hüte in 2 tagen fertig gekriegt. wenn man aber so genau arbeitet,dass man leiber 10 stiche zerlegt bevor eine falte falsch liegt und dann wieder mal neu macht- dann dauerts. ich habe tage dafür gebraucht. aber irgendwie spielt das auch keine rolle, wenn man die handarbeit mag und den prozess geniessen mag.-)

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  8. Vielen Dank für die interessante Beschreibung. Du scheinst ein "Huttyp" zu sein, so gut wie er dir steht! Ich bin auch seit etwa 2 Jahren immer mal wieder mit Hut unterwegs - es braucht manchmal etwas Mut, aber es sieht immer chic aus.

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    1. danke:-) ja, ich bin auch froh,dass di hüte so langsam wieder zurückkehren.-)!

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  9. Liebe Julia, der Hut steht dir ja großartig. Und dann auch noch selbstgemacht - WOW! Immer wieder wunderschön, was es bei dir zu bewundern gibt. Ich habe dir übrigens einen kleinen Award verliehen - ganz arbeitsfrei und ohne, dass du etwas tun musst :) Einfach nur mal Danke für deine schönen Anleitungen und Ideen: http://sanduhrdesign.blogspot.co.at/2014/04/mein-haustier-ist-ein-stein.html Liebe Grüße, Jenny

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  10. Wow, der sieht ja spitzenmäßig aus, alle Achtung! Ich finde ihn toll. Viel Spaß beim Tragen.
    Liebe Grüße
    AgnesD

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  11. ich liebe hüte! modistin wäre damals meine 2. wahl bei der berufswahl gewesen.
    deiner ist ganz wundervoll geworden. und nun muss ich mal schauen, ob es in meiner nähe auch workshops gibt.
    lg, andrea

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    1. danke sehr.-)! bestimmt findest du was. ich sehe zunehmend viele workshops angebote...

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    2. im herbst macht deine dame einen workshop für filzhüte. das hört sich interessant anun ddüsseldorf ist ja nicht weit von mir ;)

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  12. Da kann ich mich nur anschließen...
    Der Hut ist wirklich wunderschön und steht dir ausgesprochen gut!
    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Du zeigst sehr schön auf, wie viele Arbeitsschritte es überhaupt benötigt, so einen Hut herzustellen.
    Da hab ich mir noch nie gedanken drüber gemacht...

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    1. ich mir auch:) ich habe u.a. auch romantischer vorgestellt und nciht,dass es so viel körperlich kraft auch erfordert:-))))

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  13. Jetzt war ich neugierig, was du in letzter Zeit gemacht hast, und was sehe ich? SIE HAT EINEN HUT GEMACHT! Und der ist so toll geworden, ich bin ganz begeistert. Ich habe mich schon oft gefragt, wie solche Hüte gemacht sind und finde es toll (und im Web einzigartig), dass du die Herstellung bebildert hast, vielleicht wage ich mich auch einmal an so einen Hut. Das Strickfilzen war ja schon interessant, aber hier kann man besser die Form geben. Außerdem finde ich, dass er dir phantastisch steht. Wie du die Haare asymmetrisch dazu trägst, richtig schick. Ich würde mir an deiner Stelle glatt noch einen herstellen, in creme, um deine tollen Kleider damit auszustatten. Viele Grüße, Philo

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    1. .-)danke shcön. ich ahbe in der tat noch mehr wünsche. aber ich glaube,dass den nächsten ich dennoch aus filz mache. ich möchte einen "wasserfesten" machen.-)

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  14. Очаровательная форма и очень тебе к лицу!Очень рада,что ты справилась с новой техникой,освоила нюансы,с опытом придёт мастерство,однако первая вещь всегда очень волнительная и душевная.Мне очень нравится!Разумеется,я не вижу недочётов,я не спец.Надеюсь,что их нет)Ты настолько скурпулёзно подходишь к процессу,что я в тебе не сомневаюсь ни секундочки;-)
    С удовольствием посмотрела фото,тем более,что я знала о твоём новом увлечении и терпеливо ждала фотоотчёт:-)

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  15. "… der Mensch den Hut "

    iiiiijeiiin - dieses Mal ausnahmsweise von mir - vielmals sorry f. dieses Veto.
    Denn DANN muesste ich jeeedes Model/Schnitt tragen koennen - klappt aber LEIDER nicht einmal bei mir - GROSS-Seufz!
    Und glaube mir: bei mir quillt's ueber mit Hueten ^^
    a) weil ich die Dinger in generell mag (= sind mir wohl noch aus Zeiten eines sehr 'Bunter-Hund-Bekanntheitsgrades-Jobs' verblieben, da 'Hut'; viiiel make-up und Abwandlung meines Gangwerkes die EINZIGE Chance waren in einen 100 km Radius in den Kleinstaedten meines jungen Lebens einst ueberhaupt nur 20 Schritte unerkannt, ungebremst/behindert von a nach b
    zu kommen = Fluch von Beliebtheitsgrad ^^
    b) weil ich Wetterfestere gernest als Regenschirm-Ersatz trage um die Haende frei zu haben. Ausserdem: schuettel, 'Frisbie' and that's it ;-)

    ABER: DER Schnitt waere auch meiner - lechz ;-) !

    LG, Gerlinde

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  16. Chapeau, Julia! Dagegen kann Chanel nur abstinken.

    Nelli

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